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Der Sandweg nach Hause

Niemand hatte sie verstanden, niemand hatte begreifen wollen oder können, was sie zu diesem Schritt trieb, Steve am allerwenigsten. Doch sie mußte es tun. Und sie hatte es getan. Sie sah Windhoek schon lange nicht mehr im Rückspiegel. Der Toyota Hilux brachte sie stetig immer weiter ins Landesinnere hinein, weg von der Stadt, weg von all dem Trubel, den Menschenmengen mit sich bringen. Tränen liefen ihr über die Wangen, teils der noch immer tief sitzenden Verzweiflung, teils der langsam einsetzenden Erleichterung.

Auf dem Rücksitz lag ihr Heiligtum: eine Tacoma Gitarre in einem glänzend schwarzen Instrumentenkoffer. Neben ihr auf dem Beifahrersitz stapelte sich Papier, übersät mit Texten und Noten, manches dick und grell markiert, anderes wiederum durchgestrichen. Im Canopy befand sich ein Rucksack, gepackt mit den wenigen Kleidungsstücken, die sie im sommerlich-heißen November in Namibia nötig hatte.

Vor Jahren war Shelley hier gewesen. Ihr Vater hatte damals einen beruflichen Auftrag in Windhoek zu erfüllen und da hatten ihre Eltern sie mitgeschleppt in diese Einöde. Mit 14 hatte sie andere Pläne für ihr junges Leben. Dem Leben ihrer Eltern jedoch wurde nur wenige Monate nach dem Aufenthalt in einem schweren Zugunglück außerhalb Londons ein Ende gesetzt. Mit 16 hatte Shelley ihren ersten festen Freund. Nach einer durchzechten Nacht in einer der größten Discotheken Londons war er in eine Schlägerei geraten und seitdem an einen Rollstuhl gefesselt. Der zweite Freund hatte sich für die Armee entschieden und nach Abkommandierung in ein Krisengebiet hatte Shelley nie wieder von ihm gehört. Nun hatte Shelley geglaubt, in Steve den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Er war reich, gutaussehend, ein Mann von Welt, auf Status bedacht. Jedoch nagten Zweifel an ihr.

Shelley setzte den Blinker und bog ab. Auf der Schotterpiste fuhr sie eine Weile weiter, um dann auf einer Anhöhe den Hilux zum Stehen zu bringen. Sie stieg aus, wischte sich mit dem Handrücken die letzten Tränen aus dem Gesicht und lehnte sich tief durchatmend an die Kühlerhaube. Der Horizont schien endlos weit entfernt zu sein. Eine Fläche bedeckt mit Akazien, sonst nichts. Nichts. Und lange wieder nichts. Es war unbegreiflich. Sie ließ ihre Augen sich ausruhen in diesem Nichts. Als sie das Gefühl hatte, ihren Kopf gedanklich entleert zu haben, griff sie nach ihrer Gitarre. Die ersten leisen Töne erklangen und vermischten sich mit dem leichten Windhauch. Shelley senkte den Kopf, schloß die Augen und spielte – nur für sich selbst.

Steve hatte sie tatsächlich zum Flughafen gebracht, obwohl sie nicht damit gerechnet hatte. Ironisch lächelnd hatte er sie betrachtet als sie ihm von ihrem Plan erzählt hatte. Sie müsse zur Ruhe kommen und mal von der modernen schnelllebigen Welt Abstand gewinnen; Zeitraum ungewiss. Ungläubig und wenig verständnisvoll hatte Steve sie weiter angeblickt. Tu was du nicht lassen kannst, hatte er mit einem kurzen Schulterzucken gesagt und sich seiner Börsenberichte gewidmet.

Shelley hob den Kopf und erblickte einen Kudubullen mit majestätischen Hörnern. Elegant sprang er über den Zaun, der die Straße von dem angrenzenden Farmgelände trennte. War der Sprung auf die andere Seite so leicht wie es bei diesem Tier aussah oder würde Shelley kämpfen müssen? Sie seufzte und erhob sich, legte ihre Gitarre wieder auf den Rücksitz und setzte sich hinter das Steuer. Ein Blick auf ihre Straßenkarte sagte ihr, dass sie noch 52 km zu fahren habe, dann sollte sie ihr Ziel nach einem langen anstrengenden Tag erreicht haben.

Die Ziele in ihrem bisherigen Leben waren Parties und Shopping Zentren gewesen. Ausgiebig feiern, Wasserpfeife rauchen und an den Wochenenden regelmäßig dem Alkohol frönen. In den besten und teuersten Einkaufszentren Londons hatte sie sich jeden Samstagvormittag aufgehalten, um sich über ihre finanziellen Möglichkeiten hinaus mit Dingen einzudecken, die man nicht brauchte. Zudem hatte Shelley einen Taschentick und besaß mindestens 300 in den unterschiedlichsten Grössen, Formen und Farben, zu jeder Gelegenheit eine passende; so manch eine packte sie nach dem Kauf nur zu all den anderen in ihren überdimensional großen begehbaren Wandschrank.

Ihre selbst komponierte Gitarrenmusik war Shelleys einzige Zuflucht gewesen, ihre Flucht von dieser konsumorientierten Welt. Sie war es auch, die ihr an jenem trüben Novembertag in ihrer Mansardenwohnung in London etwas zugeflüstert hatte. Die Töne, die Shelley spielte, verselbstständigten sich und schienen ihr ein Afrikalied zu spielen. Mit einem Mal hatte Shelley gewusst, dass sie zurück nach Namibia sollte, dorthin, wo sie einst mit ihren Eltern so widerwillig gelandet war. Unverzüglich hatte sie ein Ticket gekauft.

Shelley sah das Farmschild. Sie folgte dem einspurigen Sandweg bis sie das kleine Haus erreichte. Als das Motorengeräusch verstummte, umfing sie eine fast hörbare Stille. Sie stieg aus, ging langsam um das Haus herum und blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihr erstreckte sich die Savanne und am Horizont schob sich kugelrund und fast blutrot der Vollmond in den Himmel. Shelley atmete tief die frische Abendluft ein und wußte, sie war angekommen.