Schreibseminar in dem kleinen Wüstenort Arandis – vor mehr als einem Jahrzehnt.
Geleitet von dem bekannten deutschen Krimi-Autor Bernhard Jaumann www.bernhard-jaumann.de
Drei seiner Krimis behandeln Themen rund um Namibia, da er ein paar Jahre in unserem Land gelebt hat. www.bernhard-jaumann.de/buecher/Namibia.html
Drei Jahre in Folge immer zu Beginn des Monats März machte Bernhard Jaumann den Teilnehmenden das Verfassen von Krimis auf humorvolle und interessante Weise schmackhaft.
Mit gemischten Gefühlen ging ich hin, weil ich nicht gerne Krimis lese, jedoch neugierig auf die Schreibtechnik war. Je mehr Bernhard Jaumann uns in die Geheimnisse des Schreibens dieses Genres einführte, desto spannender wurde das Thema für mich.
Fazit: LESEN von Krimis ist nicht so meins; das SCHREIBEN von Geschichten mit Kriminalelementen umso mehr.
„Stille Zeiten“ – Ein Caprivi Krimi
Yva saß schweigend auf dem Beifahrersitz, die Arme vor der Brust verschränkt, eine tiefe Furche zwischen ihren Augen. Ruth war achtzehn Jahre lang alleine gefahren, dieses Jahr mußte Yva mitfahren, Ruth hatte keine Widerworte geduldet.
Ruth lenkte den Wagen auf eine Raststelle neben der Straße, unter einen Marulabaum, mit einem blau-weiß gestrichenen Zementtisch und Bänken. Yva stieg nicht aus. Sie legte die Füße auf das Amaturenbrett, rückte ihre große Sonnenbrille zurecht und wedelte eine Fliege weg. Ruth streckte sich, trank einen Schluck Wasser und fuhr weiter. Die trockenen Sandböden lagen wie ein brauner Teppich neben der Aphaltstraße ausgebreitet, die Akazienbäume reckten ihre kahlen Äste in die Luft, ein paar Warzenschweine grasten die letzten Halme ab. Ruth konzentrierte sich auf die Fahrbahn, blickte geradeaus, sagte kein Wort. Sie hatte keine Gespäche mit Yva erwartet, nur Schweigen und das gab sie ihr.
Nach weiteren zwei Stunden nahm Ruth den Fuß vom Gaspedal, der Wagen wurde langsamer. Ein kleines Schild kündigte ein Bed & Breakfast an und Ruth bog ab. Man müsse hier übernachten, morgen ginge es weiter, erklärte sie. Yva rutschte unmerklich auf dem Sitz, verdrehte die Augen. Stumm folgte sie Ruth zur Rezeption; sie erhielten Zimmer Nummer drei und vier, die Erleichterung konnte Yva nicht verbergen, Ruth hatte es gewußt.
Wie jedes Jahr bestellte Ruth sich ein Rinder Carpaccio mit frisch gebackenem Weißbrot und ein Glas trockenen Rotwein. Yva verschwand grußlos in ihrem Zimmer.
Die ersten Sterne zeigten sich zaghaft am dämmrigen Himmel. Ruth drehte ihr Weinglas in der Hand, nahm einen Schluck, die schwere Flüssigkeit blieb auf der Zunge liegen. Der Wein füllte den Mund, vertrieb ihre innere Leere. Ruth wußte, Yva konnte ihr nicht verzeihen.
Ruth hatte jedes Jahr das Zimmer mit Blick auf den Damm, der jetzt ausgetrocknet war. Sie fiel in einen leichten Schlaf bis der Traum an ihr zerrte, sie schreckte hoch. Ruth träumte nie, doch in dieser Nacht mußte dieser Traum kommen; es konnte gar nicht anders sein, es war Yva’s Geburtstag. Ruth schlug das Laken zurück, ihr Nachthemd war durchnäßt. In Wellen kamen die Bilder zurück; sie schlang die Arme um sich selbst und fühlte die Vergangenheit. Ein leichter Wind kam auf, säuselte und erzählte Ruth ihre Geschichte von damals:
Ruth wollte raus, raus aus ihrem Leben, bevor die Vierzig es verschlungen haben würde. Sie entdeckte in der Tageszeitung die Anzeige von Victor, er besaß eine kleine Hütte am Kavangofluß, vermietete sie an Aussteiger, an alle, die mal abschalten wollten. Ruth buchte und packte ein paar Sachen zusammen, ihren Schreibblock und Füllfederhalter. Als sie nach langer Fahrt ankam, trat Victor ihr vor der Hütte entgegen, rollte die Rietläden hoch, der Blick auf den Kavangofluß lag offen. Ruth fühlte sich frei und atmete durch.
Ein Fischadler saß in einem Baum, königlich blickte er in die Ferne, blieb stumm. Als Ruth sich nach Victor umsah, war er verschwunden. Erst am frühen Abend tauchte er wieder auf, mit zwei Gläsern in der Hand, die Eisblöckchen klirrten im Gin Tonic. Victor stand vor Ruth, lächelte sie an, reichte ihr ein Glas, schwieg. Der Fischadler hob sich in die Lüfte und verschwand in den Abend.
Victor ging zu einer vor dem Hüttchen stehenden Staffelei und malte in groben Zügen mit einem Kohlestift ihre Hand wie sie das Glas umschliesst. Er ließ das Blatt zu Boden segeln, streckte ihr seine Hand entgegen und führte sie zu einer Hängematte. Mit dem leichten Wind schaukelte Ruth hin und her. Victor malte ihr Gesicht, in dem sich das Orange der untergehenden Sonne spiegelte; das Blatt pinnte er an einen der beiden Pfähle der Hängematte und schubste sie leicht an. Ruth konnte nicht mehr unterscheiden, ob das Schaukeln oder der Gin sie schwindeln ließ. Victor malte mit schnellen Kohlestrichen Ruths Finger, lackiert und ohne Ring. Dieses Papier fand seinen Weg an den anderen Pfahl. Ruth wurde das Schweigen unerträglich und sie fing an, Belangloses zu reden. Da ging Victor erneut zu der Staffelei und zeichnete in schwarzen raschen Zügen ihren rot geschminkten Mund. Er hängte diesen Mund über das Bett; Ruth öffnete ihren, um etwas zu sagen, doch Victor legte seinen Finger sanft auf ihre Lippen. Von da an schwieg auch Ruth.
Der Traum erinnerte sie daran, wie sie am Morgen danach eingewickelt in eine warme Wolldecke auf die Veranda getreten war. Der Nebel schwebte über dem Kavangofluss, der leise plätscherte, ein gleichmäßig fließender Strom. Auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte Ruth in einem der Bäume den Fischadler sitzen, still und majestätisch. Er blieb stumm, wie Victor, der noch im Bett lag und schlief. Ruth liebte Klischees; sie klaubte ihre Habseligkeiten zusammen und schlich sich ohne Frühstück weg, hinterließ eine Notiz auf dem Nachttisch. Danke für die wunderbaren Stunden, oder so ähnlich, sie legte ihren Kettenanhänger auf das Papierchen, ein silberner Fischadler.
Ruth löste sich aus ihrer eigenen Umarmung, das erste Licht kündigte den Tag an. Sie schlüpfte in ihr dunkelbraunes Kleid.
Als Ruth ihr Zimmer verließ, saß Yva mit baumelnden Beinen auf der Kühlerhaube. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie diesen ungewollten Ausflug hinter sich bringen wollte.
Ruth ließ sich nicht eilen und aß einen Obstsalat mit Joghurt. Eine Tasse schwarzer Kaffee brachte ihre Lebensgeister zurück nach einer Nacht in der Vergangenheit.
Ruth fuhr auf der asphaltierten Straße immer geradeaus. Das Farmland hatte sein Ende gefunden, man sah Einheimische hin und her laufen, Kunstwerk, Holz, geschnittenes Gras wurden am Straßenrand zum Verkauf angeboten. Die Menge des Angebots stand in keinem Vergleich zur Nachfrage. Kinder mit fröhlichem Lachen winkten; Ruth hatte immer zurückgewinkt, heute kroch die Anspannung ihren Rücken hoch und schnürte die Brust zu. Nur noch wenige Stunden, und sie würde Yva ihren Vater vorstellen.
Nach all den Jahren hatte Ruth vergangene Woche in der Zeitung die gleiche Anzeige entdeckt. Er hatte sie nicht verändert; immer noch die dicke grüne Umrandung des Photos von der kleinen Hütte, ein Fischadler als Emblem in der oberen Ecke neben den Kontaktdaten; Ruth hatte die Anzeige von damals aus der Schublade ihres Schreibtisches genommen, sie nebeneinander gelegt, identisch. Ruth war entsetzt und erleichtert zugleich. Er war vom Erdboden verschluckt, jedes Jahr aufs Neue immer am achtzehnten Mai war sie in ihren Wagen gestiegen und hatte ihn gesucht. Alle Suche war erfolglos geblieben; nie hatte sie ihm von Yva sagen können. Mit jeder Rückkehr starb ein Stückchen Hoffnung in ihr, starben die Worte, die sie lebendig halten wollte, um Yva eines Tages erklären zu können. Als der Kinderverstand alt genug war, Fragen zu stellen, waren Ruths Worte tot. Sie wandte sich wie ein Aal im Wasser, verschob ihre Erklärungen auf später. Yva glaubte ihr nicht mehr. Mit vierzehn Jahren packte Yva eine Tasche, ließ die Tür hinter sich ins Schloß fallen, das letzte Geräusch, welches Ruth von ihr gehört hatte, von dem Zeitpunkt an nur Schweigen. Yva zog bei ihrer Freundin ein.
Beim Anblick der Anzeige fing Ruths Herz an zu flattern. Drei Tage und achtundvierzig unbeantworteter Anrufe bei Yva später ging sie zu ihr. Als sie Yva sah, waren alle Vorsätze des guten Zuredens weggeblasen. Sie befahl Yva eine Tasche zu packen, mitzukommen auf eine kleine Reise, keine Diskussion. Yvas Verwunderung war größer als ihr Widerstand.
Anderthalb Tage später standen sie nun schweigend nebeneinander und blickten auf den Kavangofluß. Ruth sah ihre Tochter vorsichtig von der Seite aus an, Yva löste die stets vor der Brust verschränkten Arme, atmete tief durch und besah sich die Hütte. Ein großes Bett überhängt von einem großzügigen Moskitonetz, Rietläden, die hochgeschlagen waren und so die Sicht frei gaben auf den Fluß, Petroleumlampen und Kerzen, eine Dusche unter freiem Himmel ausserhalb der Hütte, eine Aluminiumschüssel als Waschbecken mit einem runden Spiegel. Yva bemerkte ein paar Kohlezeichnungen an den Wänden, die sie interessiert betrachtete, sie waren ohne Signatur. Als Yva wieder auf die Veranda trat, hatte Ruth die Hängematte zwischen zwei Pfählen befestigt und lud Yva mit einer Handbewegung ein, sich zu legen und zu schaukeln. Sie reichte ihr einen Gin Tonic und verließ sie.
Ruth ließ die Rietläden herunter, holte ihre Tasche, ihre Hand glitt in einen braunen Umschlag und holte Schwarz-Weiß-Fotografien heraus sowie ein paar Heftzwecken. Sie begann, die Fotografien in dem Zimmer an verschiedenen Stellen aufzuhängen, ein Kindermund und große Kinderaugen, eine kleine Faust, die einen Daumen umfaßt, winzige Füßchen mit noch winzigeren Zehen; ein Kind im Sandkasten mit Eimer und Schaufel; ein Mädchen mit Schultüte und Zahnlücke und schließlich Yva als Teenager im Minirock, sie verzieht keine Miene. Ruth setzte sich auf die Bettkante; Victor sollte in einer halben Stunde hier sein, sie hatte sich unter einem anderen Namen eingebucht. Die Bilder sollten für sie sprechen, ihre toten Worte wieder zum Leben bringen und erklären, was ihr unmöglich schien.
Doch Victor kam nicht, und Yva war aus der Hängematte verschwunden. Ruth sah sich irritiert um, sie hätte es ahnen müssen. Sie setzte sich auf einen der beiden Verandastühle, trank den unangerührten Gin Tonic ihrer Tochter in einem Zug leer. Die Dämmerung setzte ein. Ruth wurde nervös, da vernahm sie ein leises Plätschern und entdeckte ein kleines Boot auf dem Wasser, schemenhaft zwei Personen. Den Motor ausgeschaltet glitt das Boot mit dem Strom an ihrer Veranda vorbei, Ruth wollte dezent wegschauen als sie die schlanke Figur Yvas erkannte. Der Atem stockte ihr, als Victor Yva ein Glas reichte und mit ihr anstieß, den Arm um sie legte. Ruckartig drehte Ruth sich um und verschwand rasch in der Hütte. Yva kam in dieser Nacht nicht.
Am nächsten Morgen schleppte Ruth sich verstört aus dem Bett, fuhr sich durch die wilden Haare und begann, alle Fotografien wie auch die Kohlezeichnungen von den Wänden zu reißen; sie wurde hektischer, war außer Atem, als sie alle Bilder zusammenknüllte, ihre Fingerknöchel traten weiß hervor. Sie hatte alles zerstört, sie war an allem Schuld. Ruth griff nach ihrer Handtasche und lief los, ins Ungewisse, am Fluß entlang. Plötzlich vernahm sie ein Lachen; es kam ihr bekannt vor, sie hatte es lange nicht mehr gehört, Ruth horchte in die Vergangenheit, blickte in die Gegenwart, in der sie Yva und Victor am Ufer stehen sah. Yva hielt eine Angel in den Händen, Victor umarmte sie von hinten, um ihr den Griff zu zeigen, dabei lachte sie. Ruth zitterte und wollte das Lachen loswerden; sie hockte sich hinter einen Busch und versuchte sich zu beruhigen, ihre zittrige Hand tastete nach ihrer Handtasche, sie wollte klar denken, es schien unmöglich. Sie starrte auf Victor und wartete, dass auch er lachen oder etwas sagen würde, kein Laut von seinen Lippen, nur ein stummes verklärtes Lächeln für Yva, seine Tochter. Ruth schüttelte sich verzweifelt, sie war zu spät gekommen, es war schief gegangen.
Die Angelschnur straffte sich, Yva mußte ziehen, mit Kraft, sie kurbelte, ließ locker, kurbelte erneut, Victor half ihr, die Beute an Land zu bringen. Der Tigerfisch zappelte, schnappte nach Luft, Victor wog und vermaß, ließ ihn wieder frei ins Wasser. Yva sprang aufgeregt wie ein Kind auf und ab, strich sich wie eine Frau eine Haarsträhne hinter das Ohr. In dem Moment entdeckte Ruth die blaue Kühlbox, nur eine Armeslänge von ihr entfernt. Es erschien ihr als käme Victor in Zeitlupe darauf zugelaufen. Ruths Hand lag noch auf ihrer Handtasche, sie griff hinein, erhob sich langsam. Nach einem tiefen Einatmen trat sie hinter dem Busch hervor, hob die Hand mit der Pistole und drückte ab. Victor stürzte zusammen, sein Schweigen verstummte. In diesem Augenblick durchbrach der Schrei des Fischadlers die Stille nach dem Schuß. Ruth warf den Kopf in den Nacken, ein Schrei entwich auch ihrer Kehle, ihre Augen gingen hektisch hin und her, suchten den Vogel. Als sie ihn auf einer Baumkrone entdeckte, brach noch ein Schuß los, und Ruth fiel in sich zusammen.


